Sonntag, 22. August 2010

Objektive Bewertung von Pestizidrückständen vs. gefühltes Risiko

Pestizide sind giftig.
Aber in welcher Konzentration?
Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) ist eines meiner Lieblingsquellen, wenn es um alltäglich relevante Informationen zu Gefahren durch Inhaltsstoffe in Lebensmitteln geht.

Das BfR führt seit einigen Jahren regelmäßig sogenannte Stakeholderkonferenzen durch, welche übergeordnete gesellschaftspolitische Fragestellungen thematisieren. In einem Tagungsband werden diese Veranstaltungen dokumentiert, und derjenige für die Konferenz von 2009 wurde kürzlich veröffentlicht. Das Thema lautete „Sicherer als sicher? – Recht, Wahrnehmung und Wirklichkeit in der staatlichen Fürsorge“ und beinhaltet hübsch zusammengefasst wichtige Punkte zum Risiko von Pestizidrückständen und der Kommunikation dieses Risikos. Der Vortrag von Andreas Hensel, Präsident des BfR, thematisiert Pestizidrückstände im Rahmen von „gefühlten und subjektiven Risiken“. Ich gebe hier ein paar interessante Punkte wieder.

Das gefühlte Risiko

Ganz zum Anfang stellt er klar, dass unabhängig von der Frage, ob Öko- oder konventioneller Landbau die Welt ernähren kann, Pestizide für einen Großteil der Landwirtschaft Grundlage der Pflanzenerzeugung sind und damit gesetzlich reguliert werden müssen. Sie sind als Rückstände praktisch nicht aus Lebensmitteln herauszuhalten – mit besseren analytischen Methoden werden aber immer strengere Grenzwerte gefordert. Es gibt also eine Diskrepanz zwischen den Feststellbarkeit und der wirklichen Gefahr durch diese in immer geringeren Gehalten auftretenden Stoffe. Das ist eine Missverhältnis zwischen der Gefahr, also der Giftigkeit des Stoffs, und des eigentlichen Risikos, also unter welchen Umständen man dieser Gefahr überhaupt ausgesetzt ist.

Mediale Kommunikation von gefühlten Risiken

Nicht einmal Greenpeace kann mit Werten wie Gehalten, Grenzwerten und akzeptablen Aufanhmemengen umgehen. Erst kürzlich hat diese NGO Pestizidrückständen in Johannisbeeren gemessen und dann den Notstand wegen angeblicher Grenzwertüberschreitungen ausgerufen. Dabei wurde allerdings ein Körpergewicht von 13 kg und eine lebenslange tägliche Verzehrsmenge von einem halben Kilogramm veranschlagt. Das entspricht zwei großen Wassereimern pro Monat! Ebenso wurden 2008 winzige Pestizidmengen in teuren Rotweinen gefunden, von denen man täglich 1 Liter zu sich nehmen müsste, um den Grenzwert zu überschreiten – und zwar über einen Zeitraum von 5500 Jahren.

Trotzdem gab es allerlei besorgte Berichterstattung zu verseuchtem Wein und verseuchten Beeren. Die Medien lieben solche Meldungen. Türkische Birnen, die zurückgehalten werden mussten, weil sie in der Tat nach objektiven Kriterien eine gesundheitliche Gefahr darstellten, fanden dagegen relativ wenig Beachtung. Die Übertreibung und Skandalisierung durch die Medien und grüne NGOs kann uns blind machen für das reale, objektive Risiko, also die Gefahren, denen wir uns wirklich aussetzen.

Das objektive Risiko

Will man Pestizidrückstände wissenschaftlich bewerten, müssen drei Voraussetzungen gegeben sein: Die Rückstände müssen überhaupt messbar sein, es muss eine toxikologische Bewertung vorliegen und das Rückstandsverhalten muss belegt sein. Daraus kann man gesetzlich vorgeschriebene Höchstgehalte ableiten, die so niedrig wie erreichbar sein müssen, das heißt nur so hoch, wie gesundheitlich vertretbar, nicht mehr als biologisch nötig und so niedrig wie möglich. Es gilt das ALARA-Prinzip: As Low As Reasonably Achievable.

Es werden für Pflanzenschutzmittel sowohl Werte für ein Langzeitrisiko in Form das ADI-Wertes (erlaubte Tagesdosis, accetable daily intake), als auch für ein Kurzzeitrisiko durch die akute Referenzdosis (ARfD) festgelegt. Diese Höchtsgehalte sind kein Indiz einer gesundheitlichen Gefährdung, sondern lediglich Handelsstandards. Eine seltene Überschreitung des Langzeitwertes bedeutet noch keine Gesundheitsgefahr, ganz im Gegensatz zu den Akutwerten, die nicht überschritten werden dürfen. Das weiß praktisch niemand und wird medial auch nicht so kommuniziert. Hensel führt als Beispiel Dioxin in Schweinefleisch (ZEIT.de: Giftschnitzel) an, dessen Langfrist-Grenzwertüberschreitung von 100 Prozent gab. Ein Wert, der sich nach „viel“ anhört, aber immer noch innerhalb der analytischen Unschärfe liegt. Letztendlich stammte der Stoff aus einem Liter Maschinenöl einer Maschine zur Trocknung von Tierfutter. Man könne diskutieren, so Hensel, ob die Milliarden Euro, die ausgegeben wurden, wirklich in einem angemessenen Verhältnis um objektiven Risiko gestanden habe.

Gute Risikokommunikation

Besonders interessant fand ich an dieser Stelle, wie Hensel diese Risiken kommuniziert sehen möchte. Er plädiert für ein Eingehen auf die Ängste, will Vertrauen durch Transparenz schaffen und setzt auf die Macht von Multiplikatoren und glaubwürdigen Instituten. Dagegen hält er etwa ein Abwiegeln und Beschwichtigen, eine exklusive Suche nach Konsens und eine Geringschätzung der soziokulturellen Kriterien zur Risikowahrnehmung für kontraproduktiv. Der Faktor Glaubwürdigkeit ist für ihn in dieser Thematik von besonderer Bedeutung. Laut einer BfR-Bevölkerungsbefragung genießen bei ähnlichen Themen Verbraucherorganisationen, Wissenschaftler und Ärzte besonders hohes Vertrauen, wirtschaftliche und politische Vertreter dagegen das geringste.

Take-Home-Message

Wir Wissenschaftler sollten das hohe Vertrauen, das uns die Bevölkerung entgegenbringt, für eine Aufklärung über die objektiven Risiken nutzen. Hensel meint, dass direkte Wissensvermittlung eine Illusion sei und dem Vertrauen in Institutionen eine stärkere Bedeutung zukommt. Er hat damit sicher recht, denn niemand kann über alles Bescheid wissen – in Finanz- oder Rechtsfragen müsste ich mich ebenfalls auf andere verlassen und einfach vertrauen. Auf der anderen Seite glaube ich nicht, dass der Versuch der Wissensvermittlung schadet und dass die meisten Menschen neugierig sind, also die wirklichen Hintergründe wirklich verstehen wollen. Daraus kann man leicht eine Motivation ableiten, weiterhin über solche Fragestellungen zu bloggen.

Quelle

Bundesinstitut für Risikobewertung: „Sicherer als sicher? - Recht, Wahrnehmung und Wirklichkeit in der staatlichen Risikovorsorge - Tagungsband zur BfR-Stakeholderkonferenz am 29. Oktober 2009 in Berlin“.

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