Samstag, 12. Juni 2010

Das Nahrungsergänzungsmittel Vitatonic(TM) von Prof. Jürgen Spona

Die österreichische Firma Vitalogic bewirbt das Nahrungsergänzungsmittel Vitatonic, das wundersame Wirkungen entfalten soll.
Ihr Teint wird wieder frisch wirken, die Hautqualität verbessert sich. Haarausfall nimmt ab, Ihr Haar wird wieder kräftig und glänzend, auch brüchige Nägel gehören der Vergangenheit an.
Das ist aber noch längst nicht alles. Außerdem verspricht Vitatonic „Steigerung von Leistungsfähigkeit, Denkleistung und Konzentration“ und sogar „Stimulation des Immunsystems“ und „Steigerung der Konzentration“. Aushängeschild ist die angebliche Wirkung gegen Burnout und Depression. Ein Allround-Präparat also, das gegen eine Bandbreite von Alltags-Problemen helfen soll.

Belege?

Neben den üblichen Erfahrungsberichten ist eine Autorität der Beweis der Wirksamkeit: der Chef, Prof. Jürgen Spona, der das Mittel nach „15 Jahren Forschung“ ausgeheckt hat. Spona ist ein echter Wissenschaftler, der gelegentlich auch publiziert. Seine Erkenntnisse werden auf der Website in den höchsten Tönen besungen.

Die wissenschaftliche Basis für die Wirksamkeit von Vitatonic ist meiner Meinung nach ziemlich bescheiden, trotz der eigens durchgeführten klinischen doppelblinden Studie zu „Burnout und Depression“.[1] Die Ergebnisse der Studie werden so zusammengefasst:
Patients of the experimental group showed a significantly better improvement of depression and a higher responder rate than those of the placebo group. The results suggest that oral application of a deficit oriented amino acid mixture can improve the therapeutic outcome of an antidepressant.
Das hört sich auffallend zurückhaltender an als die vollmundigen Heilsversprechen auf der Vitatonic-Website. Kein Wort über Effekte bei Gesunden! Das Präparat kann möglicherweise das therapeutische Ergebnis einer Behandlung mit Antidepressiva verbessern. Und: selbst die Kontrollgruppe hat sich in den Tests stark verbessert, die Vitatonic-Gruppe aber stärker (better improvement).

Nachtrag: Ich habe gerade festgestellt, dass die Website in den letzten Wochen (?) doch gründlich überarbeitet wurde. Inzwischen bezieht sich die Aussage zu Burnout und Depression recht eindeutig auf die Verbesserung der Medikamentenwirkung. Eine Version, die derjenigen, auf die ich mich zum Zeitpunkt des Verfassens bezog, zumindest ähnlich ist, ist hier beim Internetarchiv zu finden.

Stützt die eigene Studie die Behauptungen? Was ist Vitatonic überhaupt genau?

Vitatonic basiert auf einer Zusammenstellung von proteinogenen Aminosäuren, wie viele andere Nahrungsergänzungspräparate. Der Clou an Vitatonic: Auf Basis eines „Aminogramms“, einer Bestimmung der Aminosäurelevel im Blut, wird eine individuelle Rezeptur hergestellt, die „Defizite“ ausgleichen soll und so pharmakologisch wirken soll.

Belege dafür, dass diese Analysemethode echte Defizite im Körper aufzeigt, habe ich auf die Schnelle nicht gefunden. Was aber die orale Supplementierung angeht, sagt die Studie selber, dass sich die Aminosäure-Spiegel nach der Verabreichung nicht verändern. Teilweise erniedrigen sie sich sogar. Die Begründung wird auch gleich mitgeliefert:
Taurine was the only amino acid with an increase after therapy in patients of the experimental group. This may be due to the better resorption of taurine compared to the other amino acids. The serine levels were even lower for both groups after therapy than at baseline. A possible explanation is that serine is a very reactive amino acid with high concentrations in all cell membranes. The supply of amino acids could result in an increase of metabolism with an increased consumption of amino acids.
Mich überzeugt diese Begründung nicht wirklich. Letztendlich ist das ja auch nur Spekulation, aber das lässt den Ansatz, die ganze Therapie auf den Aminosäurespiegeln aufzubauen, weniger valide erscheinen.

Pharmakologische Wirkung von verschiedenen Aminosäuren

Wie sieht es allgemein mit empirischen Beweisen zu der pharmakologischen Wirkung von oralen Aminosäuresupplementen aus? Es gibt ein wahre Fülle an Studien, dabei sind aber wenige mit „harten Endpunkten“ dabei. Verschiedene Wirkungen von Aminosäure-Gaben scheinen belegt zu sein, etwa für Arginin oder Tryptophan. Dabei variiert die Studienqualität recht stark. Metastudien gibt es wenige, ich habe auf die Schnelle nur zu Trp eine Cochrane-Studie gefunden.

Ich war bei meiner oberflächlichen Recherche nicht besonders erfolgreich, die in Wikipedia-Einträgen zu den Aminosäuren beschriebenen pharmakologischen Effekte waren eher verhalten. Ich habe Prof. Spona nach klinischen Beweisen für die Wirkung von Aminosäuregaben gefragt, wobei er leider nicht sehr hilfreich war. Seiner Meinung nach mangelt es an Interesse der Industrie, da die Substanzen nicht patentierbar seien und somit auch an Forschungsgeldern. Somit gäbe es auch keine großen evidenzbasierten Studien. Die Erfahrungsberichte seien aber genauso gute empirische Beweise – in diesem Punkt bin ich und andere natürlich klar anderer Meinung.
Wenn jemand ein paar Studien in die Kommentare posten könnte, wäre ich sehr dankbar dafür.


Wenn Vitatonic pharmakologische Wirkungen entfaltet – müsste es nicht eher als Arzneimittel, denn als Nahrungsergänzungsmittel gelten? In Deutschland dürfen Nahrungsergänzungsmittel nicht mit krankheitsbezogenen Aussagen beworben werden, wobei Aussagen zur Verringerung eines Krankheitsrisikos zulässig sind (siehe hier beim BfR). Diese Kriterien werden von Vitalogic erfüllt, denke ich.

Medikalisierung der Gesellschaft

Ich wand gegenüber Prof. Spona ein, dass es ein Trend sei, gegen jedes beliebige, noch so komplexe Problem einfach eine Pille einzuwerfen und sich dann einzubilden, dass diese das Problem beheben würde. Ein Beispiel dafür ist die grassierende Homöopathie-Seuche oder auch die Fischöl-Pillen-Manie im Vereinigten Königreich, über die Ben Goldacre immer mal wieder berichtet. Mit Vitatonic wird meiner Meinung dieser Trend unterstützt. Prof. Spona wies diesen Vorwurf zurück:

Aber ob das diese Kritik gerade bei Nahrungsergänzungsmittel einsetzen sollte?
Schuld sind, so wie immer, die anderen. Ich finde ja, wenn man keine Stoffwechselstörung hat und sich nicht einseitig ernährt, braucht man nie im Leben ein Nahrungsergänzungsmittel. Das sagt auch das Bundesinstitut für Risikobewertung.

Fazit

Meiner Meinung passt das alles hinten und vorne nicht. Das Produkt wird als „Komplettlösung zur Nahrungsergänzung“ beworben, die Wirkungsweise und die Effekte des Zusammenspiels des Cocktails wird an keiner Stelle kommuniziert. Wissenschaftliche Beweise werden auf der Website nicht gebracht, nur zweifelhafte Testimonials, die keine empirischen, kontrolliert erhobenen Daten ersetzen können. Überhaupt wird der Ansatz, fehlende Aminosäuren zu substituieren, niemals schlüssig nachvollziehbar dargelegt. Weisen Aminosäurespiegel im Blut wirklich auf einen physiologischen Mangel hin? Hat der „Ausgleich“ durch orale Supplementierung überhaupt einen krankheitsbezogenen Effekt? Wenn ja, wäre das dann nicht ein Arzneimittel?

Ich habe die ganze Sache noch nicht zu Ende gedacht, aber ich fürchte, ganz schlau werde ich daraus nie werden.

Nachtrag: ich bin übrigens positiv überrascht, dass die Aussagen auf der Website seit meinem Mailwechsel mit Prof. Spona (Februar/März 2010) deutlich vorsichtiger geworden sind. Ich habe wohl den Fehler gemacht, nicht noch einmal die Seite zu überprüfen, bevor ich diesen Artikel hier online gestellt habe.

Anmerkungen

[1]Hier ist der Studienbericht zu finden, in der 40 stationäre Depressions-Patienten beobachtet wurden. Die Hälfte bekam so etwas wie Vitatonic, also ein individuell zusammegestelltes Präparat, die andere Hälfte bekam ein Placebo. Depression, Selbstmordverhalten und Aggressionsverhalten wurden anhand von Fremdfragen-Tests beurteilt, etwa der Hamilton-Skala für die Beurteilung von Depressionen. Das sind natürlich keine „harten“ Endpunkte, dafür hätte man die wahre Selbstmordrate betrachten müssen usw.

Bildquellen

weißes Pulver: meggie auf flickr, CC-NC-BY-SA


Kommentare:

  1. Lieber Martin,

    Sie haben uns mit ihrem Artikel viel Aufmerksamkeit geschenkt, daher antworte ich auch sehr gerne.
    Vorneweg einmal lade ich Sie sehr herzlich ein, uns zu besuchen. Bei dieser Gelegenheit können Sie Vitatonic nicht nur in der Theorie, sondern in der Praxis kennenlernen.
    Vielleicht noch ein paar allgemeine Statements, da doch einige sehr wesentliche Statements fehlen.
    1. Vitatonic ist keine Pille
    2. Vitatonic ist nicht eine Lösung für alle und für alle Probleme. Es gibt nicht die eine Pille für jeden Menschen und jedes Problem. Sondern Vitatonic ist für jeden Menschen ein völlig anderes Produkt. Die Inhaltsstoffe werden auf den Bedarf jedes Menschen neu zusammengestellt und rezeptiert - mittels Blutanalyse. Das macht Vitatonic einzigartig. Schade, dass Sie diese Information völlig weggelassen haben. Der Unterschied ist nämlich dramatisch.

    Prinzipiell ist noch zu sagen, dass Nahrungsergänzungsmittel sowohl bei Ärzten, als auch bei Ernährungswissenschaftlern kontrovers diskutiert werden. Ein Teil hält sie für verzichtbar, der andere Teil ist aber von den positiven Wirkungen überzeugt.
    Bezüglich Aminosäuren: kennen Sie schon die sehr rezente Publikation des Max Planck-Instituts?

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  2. Hallo Herr Prof. Spona,

    ich freue mich, dass Sie die öffentliche Diskussion um Ihr Produkt aufnehmen. Ich hoffe, es springen am Ende ein paar aussagekräftige Evidenzen für Vitatonic heraus!

    Zum ersten Kritikpunkt: Ich halte die Darreichungsform für ein unwesentliches Detail, was die Kernaussage des Artikels nicht berührt. Ich werde die Textstellen aber abändern und auch das Symbolbild austauschen, damit alles seine Richtigkeit hat.

    Zum zweiten Punkt möchte ich den Artikel oben zitieren:

    "Vitatonic basiert auf einer Zusammenstellung von proteinogenen Aminosäuren, wie viele andere Nahrungsergänzungspräparate. Der Clou an Vitatonic: Auf Basis eines „Aminogramms“, einer Bestimmung der Aminosäurelevel im Blut, wird eine individuelle Rezeptur hergestellt, die „Defizite“ ausgleichen soll und so pharmakologisch wirken soll."

    Es wird also herausgestellt, dass es sich um ein individualisiertes Präparat handelt. Ich habe nicht behauptet, dass es ein Präparat „für alle und für alle Probleme“ ist, sondern dass Behauptungen über eine ungeheure Bandbreite an Wirkungen aufgestellt werden, die nicht belegt werden. Ich fordere SIe auf, mir diese Belege aufzuzeigen, ich werde sie gern in den Artikel einarbeiten.

    Es wäre mir neu, dass es wissenschatliche Belege dafür gibt, dass Nahrungsergänzungsmittel generell unverzichtbar wären.

    Die MPI-Publikation ist mir nicht geläufig, ich würde mich freuen, wenn Sie mir da weiterhelfen würden.

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  3. ch möchte abschließend noch auf die zahlreichen Untersuchungen das neue Forschungsgebiet der Epigenetik betreffend, hinweisen. Da gibt es ja viel Literatur, die beweist, dass eine optimale Versorgung mit Vitalstoffen, wie sie nur mit zusätzlichen Maßnahmen erfolgen kann, sogar die genetischen Voraussetzungen verbessern kann. Aber wie schon angeführt: es gibt ja eine große Anzahl an Medizinern, Heilpraktikern und Ernährungswissenschaftlern, die in ihrer praktischen Arbeit mit Patienten schon lange die positiven Wirkungen von qualitativ hochwertigen Nahrungsergänzungsmitteln nutzen.

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  4. Hallo Herr Spona,

    ich finde es schade, dass Sie meiner Bitte nach validen empirischen Beweisen für die Wirksamkeit von Vitatonic nicht nachkommen möchten. Die Meinung von Heilpraktikern ersetzt natürlich keine wissenschaftliche Evidenz, vielmehr steht sie im krassen Gegensatz dazu.

    Die Epigenetik ist ein weites Feld, ich habe nur Ausschnitte davon studiert. Ich habe aber währenddessen nichts über die Wirkung von Vitalstoffen gehört. Wenn Sie neue Publikationen zu dem Thema haben, wäre ich froh, diese zu lesen. Auch die MPI-Publikation, von der Sie im ersten Kommentar reden, würde mich interessieren.

    Ich möcht noch anmerken, dass ich finde, dass Nahrungsergänzungsmitel etwa bei Stoffwechselstörungen eine wichtige Aufgabe erfüllen. Als Ersatz für eine ausgewogene Ernährung bei ansonsten Gesunden kann ich es nicht befürworten.

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  5. Lieber Herr Spona,

    da haben Sie mich jetzt neugierig gemacht: Welche Studien aus der Epigenetik beweisen/weisen darauf hin, dass eine optimale Versorgung mit Vitalstoffen, wie sie nur mit zusätzlichen Maßnahmen erfolgen kann, sogar die genetischen Voraussetzungen verbessern. Beim Menschen? Das wäre super? Was wurde denn verbessert?

    Und das sie als Wissenschaftler darauf verweisen, dass viele Kollegen Nahrungsergänzungsmittel nutzen... was soll das für ein Beleg sein?

    Sie sollten ja im Thema sein, da dürfte es kein Problem sein, ein paar gute Studien anzuführen ...

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  6. Hallo Marcus,

    ich denke, Prof. Spona hat mit seinem zweiten Kommentar klar gemacht, dass er an einer Diskussion in Wirklichkeit nicht interessiert ist. Wir können so oft nachfragen, wie wir wollen, es werden wohl immer nur Gemeinplätze und nichts Konkretes kommen.

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  7. Warum haben Hermann Maier und Tom Walek wohl Vilatonic auf den Südpol mitgenommen? Es waren selten so viele geniale Mediziner, Trainingsexperten und andere Spezialisten an einem Projekt dieser Art tätig. Ich gehen davon aus, dass DIE ganz genau wissen, was das beste für die beiden war. Oder beispielsweise die österr. Hepatitis Gesellschaft. Selbst die schwören darauf. Zweifler haben selten einen Dr. Titel noch waren sie am Südpol. Ich finde es vielmehr ein Wunder und einen Segen, dass heutzutage ein normalsterblicher überhaupt an dieses Produkt kommen kann. Danke Dr. Spona!

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  8. Nahrungsergänzungen sind ja allgemein sehr umstritten und ich halte von den meisten eigentlich auch nichts. Dennoch sagen sogar manche Ärzte, dass es Nahrungsergänzungen gibt, die durchaus Sinn machen. Leider kann ich jetzt auch nicht sagen welche das sind. Welche die B12 beinhalten sollen wohl sinnvoll sein. Nahrungsergänzungen werden ja auch mit den tollsten Versprechungen angeboten. Hier mal eine Frage mit interessanten Antworten dazu.
    http://www.gutefrage.net/frage/hat-jemand-schon-mal-erfahrung-mit-fitline-produkten-gemacht

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  9. netter Artikel thanks for sharing Informationen

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